Carnaval, Salvador e Bahia

           Sonntagnacht stand fest: so kann es nicht weitergehen. Um Mitternacht gebucht, wurde noch ein par Stunden durchgepokert, dann das wichtigste in den Rucksack geworfen und die nächtliche Stadt durchquert. Bald schon wurde der graue Himmel São Paulos hinter sich gelassen und der glühenden Sonne in Richtung des schwarzen, bebenden Herzens Bahias entgegen geflogen. Salvador, einstmals stolze Hauptstadt Portugals Neuer-Welt Kolonie ist pochendes Zentrum Afro-brasilianischer Kultur. Von weißen Dünen umgeben wurde unter brennender Sonne 13° südlicher Breite gelandet und sich entlang der Küstenlinie zum Stadtzentrum durchgeschlagen. Die Stadt und ihre krassen Kontraste haben etwas unheimlich faszinierendes, die Enge einer Stadt gegen das überwältigende Panorama des im Glitzern des Meeres verschwinden Horizontes, die dreckige Armut der Unterstadt gegen die Ausladenden kolonialen Gebäude am Wassersaum, die wunderschöne Altstadt des 17. und 18 Jahrhunderts gegen die rechtwinklige Skyline der Oberstadt, der freundlich nach oben gereckte Daumen und der ihm folgende Griff in die Tasche, weiße Strände und tief schwarze Menschen.

Dann aus der Ferne erste Beats und zusammenlaufen Menschenmassen, das Treffen auf eine der Karnevalsruten. Bebende Massen, alt und jung, bunt und bunter schieben sich durch die Straßen getrieben von ohrenbetäubender Musik. Bis zum Abend wird Pipoca gespielt, dann in Richtung Rodoviário gefahren um wegen knappen Budgets und überfüllten Pausadas ein Plätzchen am nächsten Strand außerhalb der Stadt zu finden (Finder weg von nächtlichen Stränden in Nähe von Großstädten).

Der letzte Buß wird erwischt und Stunden, verpeilte Bußfahrer, ein Motoradtaxi und viel Glück später wird sogar angekommen. Der zum beeindruckenden Praia do Forte führende Weg ist wunderschön beleuchtet angelegt, von kleinen exquisiten Pausadas, Lojas, Boutiquen und Restaurants gesäumt. Nett, zu nett, den zum campen ist man sich hier zu gut und zu dieser Stunde ist weiterkommen nicht angesagt. Doch ein junger Geschäftsmann aus Singapur meint gesehen das man vor dem Haus einer einheimischen Familie gegen ein par Reis sein Zelt aufschlagen könnte. Nach ein wenig nächtlicher Ruhe und irgendwie amüsanten Erwachens wird ein wenig das Schildkrötenprojekt betrachtet, ausgiebig mit der Familie geplauscht und sich, die Sachen endlich zurücklassend, auf den Weg nach Salvador gemacht, Fatboy Slim & David Guetta stehen an!

 

Der Karneval Salvadors ist das Fest der Feste, die Sprengung aller gesellschaftlichen Ketten, eine eigene Jahreszeit Brasiliens wie es heißt. Die größte Straßenparty der Welt. Aus allen Ecken Brasiliens und der Erde kommt man. Die Stadt wird nach einem Motto geschmückt, von Menschen und im Zuge der Finanzierung von Werbung ausgefallenster Art für die großen Banken und Biermarken überschwemmt. Während in der Altstadt der traditionelle Karneval zu bewundern ist, stampfen sich die Trios eléctricos, nationale Folks- und Popmusik wie Axé und Pagode spielend durch die drei großen Circuitos welche durch die Stadt führen. Je nach zugehörigem Block werden verschiedenste Kostüme aller Art angelegt, die wohl bekanntesten sind die blau-weißen Filhos de Gandhi. Die Trios eléctricos sind Gespanne aus Technik beladenen Trucks. Während der erste, oft mit Abmischer, TV-Team und Koordinator des Gespanns versehene den Weg durch die Menge bahnt, wird von den zumeist nationalen Akts und einer Menge knapp bekleideter Tänzerinnen auf der Bühne des zweiten Hauptrucks die Show geliefert, der Tritte folgt beladen mit feinen Gästen. Umgeben wird das ganze von einem Dicken Seil das von zahlreichen Helfern und Rausschmeißern entschlossen verteidigt wird, Zutritt nur mit (teurem) T-Shirt des jeweiligen Blocks. Wer sich weder die Sicherheit hier noch die Ruhe auf den Tribünen erkaufen will, hat sich für die anstrengenste aber absolut fetteste (!) Art den Karneval zu erleben entschieden –fazer pipoca, Popcorn sein wie es die Brasilianer sagen.

Trio auf Trio rollt durch die Straßen, pumpt die Millionen zuckenden Leiber mit 100.000en Watt vor sich her. Tanzen, trinken und küssen bis zum Umfallen, dann schlafen, am folgenden Tag geht’s weiter.

Wie so vieles in Brasilien hat leider auch dieses Fest seine Schattenseiten, trotz vieler toller Kampagnen, zahlreichen mehrsprachigen Guides und Infopunkten sowie einem riesigen Polizeiaufgebot um die Gewalt niedrig zu halten, sind die vielen Drogen, die viele Kinderarbeit und die viele Kriminalität nach wie vor im großen Stil vorhanden.

 

            Nach dem Betrachten einiger Teile der Altstadt und dem traditionellen, noch religiöser beeinflussten Karneval und ein par interessanten Bekanntschaften ging es abends auf zum Circuito Dodô, welcher sich von der süd-westlichen Spitze der Stadt entlang des Meeressaums nach Osten schlengelt. Hier fanden sich sogar, dickes dickes Ding, Flo und die Volus aus Chile. Das sich dann, von einer riesigen Skol-Dose geführte, in Bewegung setzende Trio eléctrico wurde seinem Name gleich zweimal gerecht und war der pure Hammer. Das kurz vorher dem Straßenhändler abgeschnackte Skol-Shirt verschaffte einem sogar dank seiner ebenfalls gelben Farbe immer wieder, bis zum erneuten Rausschmiss, spaßige Momente im Block der zahlenden Fans. Unbeschreiblich herrlich wie die knallharten, trockenen Beats von Fatboy und Guetta über die Menge fegten. So viel wie geschwitzt wurde, konnte kaum das Bier der dich an dicht entlang der Strecke stehenden Straßenverkäufer welche sich jeden Zentimeter erkämpft hatten, in die Menge gereicht werden. Bis zum Morgengrauen wurde euphorisch gehüpft, sich nach vorne gekämpft, Taschen leer geräumt und die fetten Szenarios bestaunt.

Dann ging’s an den Stadtrand wo von den Jungs über Freundesfreunde ein par Zimmer in einer Sozialbauwohnung aufgegabelt hatten.

Gegen Mittag ging es dann wieder durch die beeindruckende Landschaft Bahias in Richtung Praia do Forte meine Sachen holen. Allerdings gestaltete sich dieses wieder sagen wir mal brasilianisch, den bis man angekommen und die Sachen schnell noch geholt waren, war der letzte offizielle Bus gefahren. Gut, dass es immer etwas Unoffizielles gibt –wäre da nicht der spontan hohe verlangte Preis, wenn auch nur für die Spanierinnen, welche zu fahren gedachten. Die wollten dann nicht, was dazu führte, dass es dem Busfahrer zu wenige Leute waren und die Sache abgeblasen wurde. Aha.

Also ein wenig den nächtlichen Strand erkunden, in ein par Büschen eine Kuhle graben, zwei Decken reinlegen und während die Wellen draußen aufs Riff prallen und die Milchstraße durch die Zweige funkelt einschlafen. Nächtlich noch kurz durch die nun direkt neben einem einschlagen Wellen geweckt, konnte sich am nächsten Morgen erholt und um viele schöne Momente reicher in das nächste Abendteuer gestürzt werden, in Morro de São Paulo, einem kleinen Nestchen auf einer Insel in der Nähe Salvadors wartete bis zum Ende der Woche noch so die ein oder andere total irre Session.

 

  

 

 

 


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