Ankunft

September 2007

      Drückende Hitze, wenn sichtbar verschwommene Horizonte, nachts ein rötlicher Himmel, schwach ein par vereinzelte Sterne, in der Ferne ein dumpfes Grollen.
Ein riesiger löchriger Flickenteppich und mittendrin eine Oase.
Wir befinden uns nicht in einer Wüste, jedenfalls in keiner natürlichen. Wir sind in São Paulo.
      Der gigantische Flickenteppich aus Beton und Asphalt, Ziegelsteinen und Wellblech legt sich über Hügel, Täler, Flüsse und Ebenen. In der Luft hängt nach Abgasen riechender Dunst, stählerne Vögel ziehen ihre Kreise.
      Mit einem dieser eleganten und zugleich schwerfälligen Ungetümen bin auch ich nach einem angenehmen Flug, Unwettern und Zwischenlandung wegen Treibstoffmangels am 2.September `07 gegen 10 Uhr Ortszeit hier gelandet.
Die „Reise“ über halb Europa, tausende Kilometer afrikanischer Küste und über den Atlantik, welche vor gar nicht so langer Zeit wohl noch eine fürs Leben gewesen wäre, dauert heute 15 Stunden und 30 Minuten.
      Was sich in einer Wüste erst auf den zweiten Blick zu erkennen gibt, prägt hier alles auf den ersten: das Leben. Riesige Blechmassen schieben sich ununterbrochen über die zahlreichen innerstädtischen Autobahnen und durch die zahllosen Gassen, Verkäufer stehen mit ihren Waren an jeder Ecke, Kreuzung oder Autobahn. Jeder Stau und jede Kreuzung wird abgeklappert, jeder Fußweg bevölkert. Im zweistelligen Millionenbereich bewegt sich die Zahl der Paulistas, welche hier leben und arbeiten. Überall wird verkauft, gewerkelt, gesammelt oder eben einer Sache nachgegangen. Das Handarbeit hier anders entlohnt wird ist schnell zu merken, da kann es schon mal Aufgabe sein, den Tag über an der Straße zu stehen und eine Fahne zu schwenken. -Und an fast jeder Supermarktkasse stehen zusätzliche Angestellte, welche selbst wenige Artikel in erschreckend viele Plastiktüten verpacken.
      São Paulo, dass ist die wagrechte Metropole. Die größte des ganzen Subkontinentes, das Wirtschaftszentrum Südamerikas schlechthin. Ein erstaunlich gut organisiertes Chaos, in dem das durch den Großstadtdschungel geprägte Leben für brasilianische Verhältnisse manchmal fast ein wenig steif zugeht. Kontraste sind es oftmals, die hier vieles prägen, Hässlichkeit und Schönheit gehen hier genauso einher wie enormer Reichtum und krasse Armut, Beton und noch grüne Hänge. Oder familiäres, wie selbstverständlich vertrauendes und teilendes Leben und die alles überziehenden Abzäunungen aus Metallstäben, Stacheldraht, Elektrozäunen oder einfach mit beton befestigte Glasscherben.
So oft dieser riesige Teppich auch von grünen oder hergerichteten Flecken durchbrochen sein mag, eine der ganz großen Seiten São Paulos ist die stinkende, unansehnliche und vermüllte. Die Flüsse hier sind nur noch gerade betonierte Abwasserkanäle, wie man sie sich kaum vorstellen kann und kaum ein zweites mal riechen will. Aber es ist eben nur eine Seite und irgendwie scheint all dieses schnell gar nicht mehr aufzufallen oder irgendwie zum Alltag dazuzugehören. Zusammen mit all den Menschen scheint es fast als wolle einem die gesamte Szenerie einfach sagen man solle sich nicht so einen Kopf machen, sondern leben.
Denn das Leben hier, dass sind die Menschen. Und die sind lebensfroh, freundlich und sehr interessiert. Ohne „Tudo bem?“ (alles klar?) und dem nach oben gereckten Daumen geht hier gar nichts. -Selbst die abgebrühten Bürokraten im Hauptgebäude der Policia Federal haben hier noch ein freundliches Lächeln übrig. Tagsüber wird hart gearbeitet, aber am Abend wird auch gefeiert, egal wie.

      Die Oase, dass ist der Educandário Dom Duarte, welcher zur Liga das Senhoras Católicas gehört. Auf dem riesigen Gelände, welches im mittleren Westen der Stadt im Stadtteil Butanta liegt, scheint es alles zu geben, von Wohnhäusern für die Kinder und Mitarbeiter, über Schulen und Kindertagesstätte, Büros, Schneider-, Wäsche- und Tischlerei bis hin zu Lagerhäusern. -Nicht zu vergessen die zahlreichen Fußballplätze.
Die Gegend ist eine sehr bescheidene, aber keine besonders arme, zwischen den Häusern hier findet sich die improvisierte Autowerkstadt genauso wie der Supermarkt, aber auch die nur aus Blech und Holz zusammengezimmerte Behausung. Beinahe jede Hütte hier scheint ein Laden oder ähnliches zu sein und etwas anzubieten. Nachts ist natürlich viel Vorsicht geboten, und in wenigen Minuten ist man auch in der favelaähnlichen „Perepheria“ wie es genannt wird.
      Im „Casa um“ wohne ich, zusammen mit zwei anderen Freiwilligen, Marco und Andreas sowie dem hier arbeitenden Kapoeiralehrer Leandro.
Das Haus ist wie alle anderen auf dem Gelände in einem leicht ans Kolonialistische erinnernden Stil erbaut, hat ein Stockwerk, ist schlicht eingerichtet und ist sehr groß für vier Personen. Wände und Decken sind in leichten Gelbtönen gehalten, der Fußboden ist gelb rot gekachelt, Türen (nach Außen immer mit drei Schlössern) und Schränke sind blau, was sehr angenehm zu den Gelbtönen passt. Im Haus gibt es alles was man bracht und sogar solches, was eigentlich nicht hierzu zählt, wie Tischtennis.
      Wenn morgens das Sonnenlicht durch die Vorhänge ins kühle Zimmer blinzelt und von aufkommender Hitze draußen verkündet, heißt es aufstehen. Von Ferne ist blechern Beethovens „für Elise“ zu hören, welches vom durch die Gassen tuckernden Gasmann kündet, während eine begeisterte, laut aus den Boxen klingende Stimme die Angebote des nahe gelegenen Supermarktes anpreist. Mein Tagesablauf beginnt.
Das Haus in welchem ich arbeite, Casa dois, beherbergt achtzehn kleine Rabauken von 7 bis 15 Jahren (meistens um die 10 rum) und drei kleine Mädchen. Die Gründe aus welchen die Kinder, auch Geschwister, hier sind, sind traurigerweise zahlreich. (Genaueres unteres „Liga Solidaria“)
Meine Arbeit hier beginnt um 8 Uhr morgens und geht bis theoretisch 17 Uhr, meistens jedoch wesentlich länger. Die Arbeit besteht aus allem was den Tag über anfällt. Somit sehr viel Hausarbeit absolut jeglicher Art sowie natürlich die Betreuung der Kinder bei ebenfalls allem.
Obwohl es meistens im Groben der selbe Ablauf ist, gibt es beinahe jeden Tag etwas Neues, dass anfällt. -Abgesehen davon, dass es natürlich niemals das Selbe ist, wenn man mit Menschen arbeitet.
      Ob still oder kleiner Kraftprotz, interessiert oder spitzfindig, alle sind sie einfach nur liebenswert. -Und trotzdem ein riesiger Haufen kleiner großer Chaoten.
Raue Prügeleien sind an der Tagesordnung, die kleinen Mädchen werden mit Vorliebe malträtiert, was auch immer in der Hand gehalten wird, wird bei aufkommendem Desinteresse oder Nutzlosigkeit, da ausgetrunken, im hohen Bogen weggeschmissen. Kein Spielzeug im ganzen Haus ist heile und jedes Essen ist eine kleine Schlacht, nach der kräftig geputzt werden muss -Radau und Remmi-Demmi ganz im Sinne von Deichkind. (Was übrigens nur in meinem Haus stattfindet).
Die im Streitfall eingesetzten Beschimpfungen sind erwartungsgemäß meistens schockierend vulgär. Obwohl ich noch recht wenig verstehe, ist deutlich, dass es meistens mit Schwänzen und Huren zu tun hat. (Hauaha)
Klingt es Anfangs noch amüsant, wird es spätestens dann sehr nachdenklich stimmender Ernst, wenn deutlich wird, dass dieses ein wirklich fester und gelebter Wesensbestandteil von noch so kleinen Kindern ist. Das Bewusstsein für Recht und Unrecht, das Verletzten eines Anderen oder den Umgang mit den Dingen hat gar nicht die Chance zu wachsen und sich wirklich zu entwickeln. Da kann es auch mal vorkommen, das sich voller Wut, dass größte Messer in der Küche geschnappt wird (ein eher spezieller Fall).
      Neben solchem und dem „schlichten“ Chaos, welches schon mal lautstark gipfelnd über anderthalb Stunden herrschen kann, ist es natürlich auch das immer wiederkehrende sich messen wollen und die ganz speziellen Eigenschaften bestimmter, welche einen absolut an die eigenen Grenzen treiben können. Auch das Schwanken zwischen grenzen bedürfender Wut und Auslebung und dem gleichzeitigem Bedürfnis nach viel Liebe ist nicht immer einfach im Umgang, mal ist man Lehrer, mal notwendige Autoritätsperson und im nächsten Moment schon wieder Freund oder knuddelnd Familie. Auch wenn oft wirklich anstrengend, macht die Arbeit viel Spaß, man lernt viel Neues kennen und arbeitet natürlich an seinen Grenzen. -Ich freue mich also absolut auf die noch vor mir liegende Zeit.
      Auch außerhalb der Arbeit gibt es natürlich jede menge Neues, Beeindruckendes, absolut „Abgefahrenes“, aber natürlich auch Erschütterndes welches einem begegnet. Da es mir kaum möglich ist alles zu berichten (und sich vieles auch gar nicht so einfach in Worte fassen lässt), werde ich einfach mal versuchen, gelegentlich manche, vielleicht charakteristischen Szenen zu beschreiben.

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